Zwei mal Literatur, zwei mal Kino – unvergleichbar. Und Luise Befort im Interview

„Deutschstunde“ und „Dem Horizont so nah“ sind Verfilmungen höchst unterschiedlicher Literatur. Beide versprechen auf ihre Weise (Arthaus und Mainstream) ungewöhnliche Erfolge zu werden.

Ein Interview mit Luise Befort („Der Club der Roten Bänder“, „Wir sind die Welle“/Netflix) zu einem deutschen Film mit amerikanisch großen Gefühlen, der bei der Filmkritik nur mäßig ankam, obwohl er das bedient, was die erfolgreichen US-Liebesfilme ausreizen: den Mut zur Emotion.

Siegfried Lenz, Schuld und Pflicht im Nationalsozialismus sind das Thema in „Deutschstunde“.  Erzählt in Rückblenden aus der Zelle einer „Besserungsanstalt“, in der der junge Siggi Jepsen untergebracht ist und sich die Seele leer schreibt, wird das lokale Drama um Pflichbesessenheit und seelischem Missbrauch zwischen drillendem Vater und zur verbotenen Kunst verführenden Patenonkel schmerzhaft aufgerollt. Ein Stoff, den Heide (Drehhbuch) und Christian (Regie) Schwochow mit einen großartigen Ensemble aus der Zeit geholt haben, hat vom Start  (3. Oktober) weg die Arthaus-Charts angeführt. Erstaunlich, trotz der Dichte der Erzählung, dass der schwere Stoff so ins Kino lockt. So beeindruckt ich von der Umsetzung im Kino war, so wenig hätte ich an den Kassen-Erfolg geglaubt.
 
Ganz anders bei der Verfilmung von „Dem Horizont so nah“, ein Stoff, adaptiert aus dem ersten Band der erfolgreichen „Danny-Trilogie“ (von Jessica Koch), den die Kritik teilweise zerlegt, der aber das emotionale Kino zeigt, für das auch nicht ganz junge Menschen ins große Kino gehen. Mit einem Hauptdarsteller, den man in Deutschland gerne als zu schön für eine sympathische Rolle empfindet (Jannik Schümann), einer Hauptdarstellerin, die man gerade noch vor dem erwartbaren Riesenhype besetzt hatte (Luna Wedler, Schweizer Shooting Star) und einem Jungstar, der im „Club der Roten Bänder“ und in „Armans Geheimnis“ auch die Jungs vor den Bildschirm gelockt hat, Luise Befort, in einer Herausforderung von tougher Rolle zwischen den beiden Protagonisten. Ein Interview zum Kinostart mit der 23-Jährigen, die ab dem 1. November auch in der Serienumsetzung von „Die Welle“ auf Netflix zu sehen ist.
 
Am Tag nach der Köln-Premiere, kurz vor der München-Premiere erzählt Luise Befort von den Reaktionen des Publikums auf „Dem Horizont so nah“ (ein Film, so mutig emotional, wie man das von wenigen deutschen Produktionen kennt) und gibt einen Einblick in die Rollenvorbereitung.  
 
Die Premiere in Köln scheint gestern gut gelaufen zu sein? 
Ja. Es liefen Tränen und doch wurde auch an einigen Stellen herzhaft gelacht.
Es bietet sich bei dem tragischen Stoff ja erst einmal nicht so an, befreit lachen zu können. 
 Ja das stimmt wohl und doch hat der Film, trotz der Tragik, auch sehr lustige Momente – ich denke, das braucht man als Zuschauer auch.
Die „Tina“ ist ja als Rolle eine Gratwanderung, nicht nur die fragile Figur selber, sondern auch innerhalb der Geschichte. Sie darf nicht die Liebesgeschichte dominieren aber präsent sein. Wie hast du dir das erarbeitet? Hast du einen Coach, hat das Tim Trachte mit dir erarbeitet? Wie gehst du an eine solche Aufgabe heran?
Ich bereite mich auf jede Rolle unterschiedlich vor, denn jeder Charakter, den ich spiele, ist sehr verschieden.
In der Vorbereitung für „Dem Horizont so nah“ habe ich unter anderem angefangen, Gedichte zu schreiben, so wie es Tina getan hat und wieder angefangen zu zeichnen. Von dem was man in der Requisite sieht habe ich einiges gezeichnet. Bei diesem Projekt stimmte auch von Anfang an die gemeinsame  Teamarbeit.  Wir haben uns ausgetauscht- mit Regie, aber auch mit den anderen Departments, Requisite, Maske…  Für die Rolle der „Tina“ hatte ich außerdem viel Zeit im Vorfeld – und die Romanvorlage von Jessica Koch war mir eine große Hilfe.  Der dritte Roman der Danny Trilogie ‚Dem Ozean so nah‘ handelt von der Freundschaft zwischen Danny (Jannik Schümann, Red.) und Tina, und erzählt ihre Geschichte.
Das ist die Vorgeschichte.  
Genau. Aus diesem dritten Roman „Dem Ozean so nah“  konnte ich ganz viel über Tinas Vergangenheit, ihr Innleben, die Beziehung zwischen den beiden erfahren. Es war eine Herausforderung und ein Geschenk, jemanden darstellen zu dürfen, den es wirklich gegeben hat. Im Roman steht, dass Tina lange schwarze Haare hat, und grüne Augen. Mir war das mit den Augen besonders wichtig und ich bin froh, dass die grünen Kontaktlinsen bei meinen braunen Augen auch einsetzbar waren. Mit den Dingern hab ich zwar kaum etwas gesehen, aber es hat sich gelohnt.  Die Linsen haben mir sehr geholfen, in Tina zu „schlüpfen“.
Kurz nachgefragt, arbeitest du dabei mit einem Coach?
Das ist ganz unterschiedlich. Für mich ist Austausch das Wichtigste und da hilft es natürlich sehr, zusätzlich einen Coach zu haben. Während einer Vorbereitungszeit und des Drehs für ein Projekt, gehe ich auch immer mit einem anderen Filter durch die Welt. Alltagssituationen erlebe ich dadurch auch nochmal anders. Ich war zum Beispiel in Ausstellungen und habe mir die Kunst aus Tinas Augen angeschaut. 
Und ich hatte ganz besondere Begegnungen mit Menschen, die auf der Straße leben und mir ihre Geschichten erzählt haben.
Du warst ja schon extrem früh auf der Bühne präsent, mit acht Jahren im Theater des Westens, ein Jahr vor dem ersten Dreh, was mir vor der Vorbereitung auf das Interview gar nicht so bewusst war. 
Das ist eine schöne Geschichte. Es hing ein Ausgang in meiner Grundschule für ein offenes Casting – und man musste acht Jahre alt sein. Ich kannte das Musical, die Musik fand ich großartig.
Obwohl ich erst sieben Jahre alt war, bin ich hingegangen und wurde tatsächlich genommen.  Sobald ich acht war, durfte ich dann auch auf die Bühne. 
Siehst du die Zeiten als Kind auf der Bühne ( und lange nach „Les Miserables“ ja lange Zeit im Friedrichstadtpalastes als Solistin) auch als Vorbereitung auf das Drehen an, oder sind das für dich zwei Welten? 
Auf jeden Fall. Ich habe davon viel mitgenommen. Für mich war das eine sehr prägende Zeit. Es hat mir so viel Freude gemacht, auf der Bühne zu stehen, dass ich das Spielen nicht mehr missen wollte. Und ja, es sind schon verschiedene Welten – kurz bevor man auf der Bühne steht rast der Puls, aber sobald ich auf der Bühne bin, steht auf einmal die Zeit still und man ist mit den Kollegen in einer anderen Welt.
Der größte Unterschied ist wahrscheinlich die direkte Reaktion des Publikums. Mir gefällt der Gedanke, dass man es nicht festhalten kann und nur die Emotion bleibt: Beim Zuschauer und beim Spieler. 
Beim Film kann man ein Take nochmal machen oder zurückspulen. Mir gefällt beides und ich würde beides nicht missen wollen.
Hast Du ein Schauspielstudium jemals vermisst? 
 Ja. Ich habe letztes Jahr drei Wochen einen Intensivkurs „Shakespeare and Contemporary Theatre“ in London gemacht, an der „Guildhall School of Music and Drama“. Es war großartig, ich kann das nur jedem empfehlen.  Wir hatten sogar Period Dance Classes, Tango Classes, Puppetry, natürlich auch Voice Training, Textarbeit, Movement … Sich reinzuschmeißen und wie ein Kind alles auszuprobieren, mutig sein, auch „auf die Schnauze zu fliegen“, das sollte man eigentlich immer machen – aber meist ist die Zeit dafür gar nicht da, wenn man gemeinsam am Set steht. Der Schwerpunkt lag auf der Ensemblearbeit.
 Es ging ums Miteinander- sich gegenseitig richtig wahrzunehmen, den eigenen Körper mehr zu entdecken.. das war eine tolle Erfahrung und hat viel Spaß gemacht.
Also bist du „angefixt“, noch einmal auf eine Schule zu gehen oder eher weiter Workshops zu machen? 
 Das ist eine Überlegung wert. Vielleicht sogar in Amerika, wer weiß…
Aber nicht vier Jahre auf beispielsweise die „Busch“? 
Ich habe allerbeste Erfahrungen in England gesammelt und es wäre toll, da anzuknüpfen. Englisches Theater – ich liebe es.  Mit das Großartigste, was ich gesehen habe: „Red“ mit Alfred Molina und Alfred Enoch (im Londoner Wyndham’s Theatre, Red.) das war sehr inspirierend oder auch die „Hamlet“-Inszenierung am Shakespeares Globe Theatre.  An Shakespeare zu arbeiten und zu erfahren, wie aktuell und vielschichtig die Stoffe sind, obwohl sie vierhundert Jahre alt sind, da richtig einzutauchen, das war sehr bereichernd. Mir gefällt die Vorstellung, an verschiedenen Orten von verschiedensten Lehrern zu lernen. Und: Ja, ich habe schon noch Bock zu studieren. Vielleicht wird es auch ein Regiestudium, wer weiß – ich merke jedenfalls, dass ich große Lust habe, zu lernen. 
Mit Club der roten Bänder und Armans Geheimnis warst Du ja ziemlich zeitgleich sehr präsent. Haben sich diese Rollen prägend ausgewirkt auf ähnliche Angebote oder waren die darauf folgenden Anfragen breit gestreut? 
 Auch das war ein großes Geschenk, ich durfte schon sehr unterschiedliche Rollen spielen: Vom rosa Plüschhasen im FSP bis zur Comedy: „Der Lack ist ab“, dann der Tatort, den ich gemacht habe, der auch eine krasse Erfahrung war, da er ein Horror-Genre-Tatort zu Halloween war mit Wolfram Koch und Margarita Broich. Wir hatten eine großartige Zeit mit Andy Fetscher (Regie). Rund 20 Drehtage, fast nur Nachtdrehs und vor allem war es nochmal eine ganz andere Art zu arbeiten. Je unterschiedlicher die Rollen, desto besser.
„Der Lack ist ab“ war ja ein Webserie. Wurde das normal abgerechnet oder lief das als Low-Budget.  
Ich weiß das tatsächlich nicht mehr genau.
Dafür hast du ja eine Agentur. Du hast beim Deutschen Schauspielpreis ja auch eine Laudatio gehalten. Wie hast Du die Veranstaltung dieses Jahr wahrgenommen?  
Die Atmosphäre war toll, mit der Möglichkeit sich mal richtig auszutauschen ohne oberflächlichen Smalltalk. Mir gefällt der Schauspielpreis mit am besten von allen Veranstaltungen – hier geht es wirklich um ein Miteinander. Jedes Mal merke ich, wie schön diese gegenseitige Wertschätzung hier ist. Es ist wirklich sehr familiär.  Die Message der Veranstaltung war auch gut und es wurden wichtige Themen angesprochen.
Darauf zielte meine Frage. 
Wir leben in einer aufregenden Zeit,  in der wir uns politisch äußern müssen. Ich habe lange an der Rede geschrieben, weil es mir eine Herzensangelegenheit war und ist und ich zum Beispiel in Bezug auf Nachwuchs auch ansprechen musste, was es generell heute für uns bedeutet Nachwuchs zu sein und auch welche Verantwortung wir haben. Ich finde es stark und wichtig, dass mehr und mehr jetzt aktiv werden, damit sich etwas verändert. Es ist superwichtig, dass wir das Sprachrohr, das wir haben, nutzen. Für mich fühlt es sich so an, als ob sich unsere Branche gerade mehr denn je an der Hand nimmt und zusammensteht, wirklich etwas verändern will. (Die Verleihung kann man auf der Facebookseite des Deutschen Schauspielpreises anschauen)
Bist Du politisch, branchenpolitisch engagiert?
Ich möchte auf jeden Fall noch aktiver werden. Unsere Produktion bei „Dem Horizont so nah“ war zum Beispiel eine grüne Produktion – was gezeigt hat, dass es funktionieren kann.
Für uns wurden bei ‚DHSN‘ z.B. Zug- statt Flugreisen gebucht, der Plastikmüll wurde enorm reduziert, weil jeder seinen eigenen Becher hatte und es gab nur an ausgewählten Tagen Fleisch beim Catering. 
Und es ist wichtig, dass man solche Themen auch bei Interviews anspricht.
Interview Thomas Bauer