„Theater unbegrenzt“ – oder begrenzt?

Mit Preisen ausgezeichnet, mit einer zeitlich limitierten Förderung der „Stiftung Mensch“ aufgebaut – und doch hängt das Schicksal des Inklusionsprojekts „Theater unbegrenzt“ finanziell am seidenen Faden, zugesagte Gelder hängen davon ab, dass eine Nachfolgefinanzierung für die „Stiftung Mensch“ gefunden wird. ca:stmag sprach mit Schauspielerin Eva Wittenzellner, die seit vier Jahren auch beim „Theater unbegrenzt“ mitwirkt über die besondere Bedeutung dieser Theaterarbeit

Du bist dieses Jahr zum vierten Mal bei einer Aufführung des „Theater Unbegrenzt“ dabei. Kannst Du beschreiben, was bei der Arbeit erfüllender ist als bei der Arbeit an einem nicht-inklusiven Theater?
Die Atmosphäre ist anders, die Stimmung. Man kommt an, wird herzlich begrüßt. Alle sind irgendwie gleich, obwohl man es unterschiedliche Beeinträchtigungen gibt. Die einen können besser sprechen, andere nicht; trotzdem ist man ganz schnell auf einer gleichen Ebene. Es gibt eine ganz spezielle Energie, weil sich alle so aufeinander freuen. Man wird sehr wertgeschätzt. Als ich das erste Mal zu einer Probe fuhr, hatte ich anfangs schon Berührungsängste, muss ich ehrlich sagen, aber als ich dann ankam, war es innerhalb von Sekunden weggeblasen, weil man einfach mit offenen Armen empfangen wird. Ob man jetzt eine Beeinträchtigung hat oder nicht, das ist egal. Man arbeitet einfach zusammen an einer Szene.
Das heißt, du hattest vorher keine Berührungspunkte mit Menschen mit Beeinträchtigungen?
Nein, hatte ich nicht. Ich habe mich zwar mich in der Jugend schon sehr dafür interessiert, habe auch den „Behinderten-Report“ gelesen und so und war dann auch entsetzt, wie sehr das ganze Verkehrssystem und so weiter hinterher ist. Es hat sich ja auch leider nicht wahnsinnig viel geändert. Wenn ich jetzt in der S-Bahn-Durchsage höre, „Am Rosenheimer Platz gibt’s leider keine Aufzüge, fahren Sie einfach weiter bis zum Isartor und dann steigen Sie aus und fahren zurück“ dann denke ich mein Gott, wenn das alles so einfach wäre.
Ich bin gerade selbst gehandicapt, habe eine Verletzung am Knie und gehe mit Krücken. Es geht so schnell, dass man in eine andere Situation kommt und so abhängig ist von Aufzügen und Rolltreppen und man merkt einfach, dass Menschen mit Beeinträchtigung keine große Lobby haben und wie viel schwerer das Leben oft ist, wie schwer es ist, den Alltag zu bewältigen. Aber du spürst es nicht, die Kollegen sind so offen und bescheiden. Es ist schwierig zu beschreiben, ohne irgendwas „Dummes“ zu sagen.
Weil man nicht „von oben herab“ erscheinen möchte?
Ja, genau, das stimmt, man ist ja wirklich gleich auf der Bühne und es ist auch so beim Spielen, dass man sich gegenseitig hilft. Wir Schauspieler kommen zwar auch dazu, um unterstützend zu sein, aber manchmal haben wir auch unseren Texthänger und der der andere Kollege hilft einem aus. Es ist einfach ein Geben und Nehmen.
Wie läuft das zeitlich ab? Ihr seid ja drei professionelle Schauspieler, also du, Edith Konrath und Richard Oehmann, die mit dem 
Ensemble arbeiten. Wann kommt ihr dazu? Steht dann das Stück schon im Grundsatz oder erarbeitet ihr das Ganze gemeinsam mit dem Ensemble? 
Mirjam (Kendler, Gründerin, Regisseurin und Autorin des „Theater unbegrenzt“) fängt mit dem Ensemble mit ein paar Gruppenübungen an und hat dann schon erste Ideen, was das Thema des Stückes betrifft. Dann gibt’s schon ein Grundgerüst, ein Konzept, ein Oberthema, „Liebe“ war es beispielsweise vor zwei Jahren. Und es gibt schon einzelne Szenen, wenn ich dazu komme. Dann spricht man das mal durch mit den Kollegen, spielt es und dann wird improvisiert. Mit dem was bei der Improvisation entsteht, wird das Stück weiterentwickelt. Dann entstehen weitere Szenen und werden Lieder eingebaut. So geht es Szene für Szene weiter, bis das ganze Stück steht. Parallel werden Videos gedreht, Interviews gemacht und kleine Clips geschnitten.
Es gibt ja eine eigene Ästhetik, die sich durch die Stücke durchzieht, ein Wechsel aus kurzen Live-Interview-Einschüben und dem Geschehen auf der Bühne.
Genau. Mirjam möchte diese Mischung haben aus den Rollen, die die Mitwirkenden auf der Bühne spielen und privaten Einblicken in ihr Leben, mit ihren Gedanken zu Themen wie Liebe, Glück, Wünsche, Träume.
Und dann gibt’s die Endproben. Wir hatten gerade auch ein Proben-Wochenende, da wird dann intensiver geprobt. Das findet immer in Wartaweil (ein Schullandheim am Ammersee, Red.) statt. Die Leute der Lebenshilfe bleiben da über Nacht und wir Schauspieler kommen tagsüber dazu, essen abends noch zusammen oder machen Feuer. Die Endproben finden dann kurz vor den Aufführungen am Theater statt, mit den Requisiten, Mikro etc. Da sind wir dann immer alle anwesend.
Welcher Zeitaufwand ist für euch Profis damit verbunden, wenn man es mit einem Stück an einem nicht-inklusiven Theater vergleicht? 
Das ist schwer zu sagen, der Text ist ja meistens nicht sehr umfangreich, das hat man ganz schnell gelernt, die Herausforderung ist eher, dass man auf der Bühne flexibel bleibt, wenn zum Beispiel ein anderer Text kommt von den Kollegen oder dass man einfach improvisiert, dass man wachsam bleibt und einspringen kann, wenn es irgendwie einen Texthänger gibt. Dieses wache „im Moment sein“ ist wichtig, wenn der Kollege einen Witz einbaut und man versucht drauf zu reagieren. Es ist nicht so ein ganz fester Ablauf wie im klassischen Theater
Dass Du plötzlich improvisieren musst, das kann Dir ja auch im klassischen Theater passieren. Da habe ich auch schon wilde Geschichten gehört. Ich habe ja jetzt schon einige Aufführungen des „Theater unbegrenzt“ gesehen. Zumindest aus Zuschauersicht passieren sehr wenig erkennbare Pannen.
Es ist immer alles sehr korrekt, die Stichworte kommen, es läuft schon auch sehr professionell ab und natürlich gibt’s die Helfer hinter der Bühne, die zum richtigen Zeitpunkt auf die Bühne schicken und mithelfen, dass wirklich jeder da steht, wo er stehen soll.
Es ist mehr das im Moment wachsam sein.
Was es ja auch so lebendig und echt macht.
Ebenso wie natürlich die Reaktionen aus dem Publikum, die oft stärker sind als im klassischen Gastspielbetrieb. Da kennt man die Stellen, an denen Leute lachen könnten oder nicht; in diesem Rahmen passieren häufiger kleine Überraschungen. Aber es ist ja ist ja gerade schön, dass es mehr Interaktives hat.
Meine ursprüngliche Frage bezog sich jetzt eigentlich mehr auf den auf den zeitlichen Aufwand, bevor es auf der Bühne losgeht.
Also die die tatsächlich reine Probenzeit, ist die vergleichbar mit der Probenzeit beim klassischen Theater?
Für mich, weil ich ja sozusagen immer nur als Gast dazu komme, ist es viel kürzer als zum Beispiel beim Gastspielbetrieb. Bevor ich mit dem Tourneetheater unterwegs bin, proben wir vier, sechs Wochen für ein Stück und hier, wenn ich zusammenrechne, bin ich vielleicht drei Wochen beschäftigt, die sich über einen Zeitraum von gut einem halben Jahr ziehen.
Kann man da sagen, wie hoch im Verhältnis die Gage ist?
Es gibt eine Pauschale pro Schauspieler. Das heißt, das ist halt ein bestimmtes Budget pro Schauspieler. Das ist jetzt sozusagen ein wie eine Art Aufwandsentschädigung.
Es sind ja auch sehr viele hinter der Bühne beschäftigt.
Also wir haben zum Beispiel eine Maskenbilderin, eine Kostümbildnerin, einen Dramaturgen, wir haben einen Bewegungs-Coach, Gesangstraining, eine Sprecherzieherin. Das heißt, es sind auch sehr viele Gewerke mit an Bord. Ich glaube, es sind rund 35 Leute, die auch mit beschäftigt werden und deswegen ist es auch so wichtig, dass dieses Projekt weiter gefördert wird, so ein Projekt ixt ja auch ein Arbeitgeber.
Die Vorstellungen sind ja immer sofort ausverkauft, auch wenn der Vorverkauf schon Monate vorher beginnt.
Ja, es gibt eine große Fangemeinde, es gab Preise, die wir bekommen haben, zuletzt im Januar 2026 den VR-Sozialpreis und letztes Jahr den Anerkennungspreis für Inklusion der bayerischen Staatsregierung. Wir sind noch im Rennen für einen anderen Preis, aber ich glaube, es ist noch nicht spruchreif.
Aber diese Preise beinhalten jetzt nicht gleichzeitig eine wirksame Finanzierung. 
Nein, keine Dauerfinanzierung, nur einmalige Geldpreise. (Red: Der VR-Sozialpreis beispielsweise ist mit insgesamt 6000 Euro dotiert, 2026 aufgeteilt auf vier Preisträgerprojekte.)
Also eher eine kleine Wertschätzung.
Ja, genau. Aber im Moment, darum ist das ein so kritischer Moment, geht darum, dass die Förderung der „Aktion Mensch“ für fünf Jahre galt und nun ausläuft. Damit wäre nächstes Jahr einfach kein Geld mehr da, um das in diesem Rahmen weiterzuführen.
Ist es auch sicher, dass die Förderung nicht fortgesetzt wird?
Ja. Das ist ganz sicher, weil sie darf nur einmalig vergeben werden.
Und nun?
Es gibt Bewerbungen für andere Fördertöpfe, aber das ist auch eine recht komplizierte Geschichte. Wir hoffen natürlich sehr, dass jemand sich für uns entscheidet, damit wir das in diesem Rahmen weitermachen können.
Mit den Leuten, die jetzt auch beteiligt sind?
Genau, mit den Aufführungen im Landsberger Stadttheater etc. Auch damit die ganze Arbeit von Miriam eine Wertschätzung findet und bezahlt wird, diese Entwicklung des Stücks, diese Ideen mit Videos etc.
Habe ich dich da richtig verstanden, dass quasi jeder Mitwirkende das Gleiche bekommt? 
Das weiß ich jetzt nicht genau.
Das Modell kannte ich so von einem Film den Heiner Lauterbach gedreht hat, er sagte, ob der Fahrer oder der Kameramann oder der Hauptdarsteller oder der Nebendarsteller, die haben alle nicht viel bekommen, aber alle das Gleiche. Das fand ich ehrlich gesagt eine ziemlich charmante Idee, wenn man schon mit Low Budget arbeitet.
Ja, finde ich auch. Also ich hatte jetzt auch gerade einen Abschlussfilm von der Filmhochschule, da gibt’s ja auch nur so eine Aufwandsentschädigung; es war ein sehr tolles Buch, ein schönes Projekt und die Stimmung war auch eine besondere. Vielleicht liegt es auch daran, dass alle gleichwertig behandelt werden und gleich bezahlt werden.
Also mal kurz persönlicher ganz ehrlicher Einwand, ich habe selbst ein geistig behindertes Kind und kenne die Herausforderungen. Du beschreibst alles sehr erfreulich und positiv und wertschätzend. Gibt’s aber neben den ganzen beglückenden Momenten nicht auch Momente, in denen es furchtbar anstrengend und nervig ist?
Nein, eigentlich nicht. Ganz am Anfang, bevor ich dazu kam, hatte ich die Angst, dass das vielleicht manche zu sehr an einem hängen, dass man das Gefühl hat, man müsste sich, zu sehr „kümmern“. Ich komme aus einer Familie mit Depressionshintergrund; dieses sich immer um jemanden kümmern müssen, steckt tief in mir drin und das war meine Befürchtung. Aber die Mitwirkenden sind sehr selbstständig und wenn halt dann um 20 Uhr der Bus kommt, um sie abzuholen, dann sagen sie kurz tschüss und sind unterwegs. Das Einzige, was natürlich beklemmend ist, wenn man sieht, dass bei manchen mit der gesundheitlichen Verfassung rapide bergab geht. Zwischen den Stücken liegt ein Jahr und man sieht, oh, das ist jetzt schlechter geworden von Merkfähigkeit oder Sprechfähigkeit oder also gerade bei Menschen mit Down-Syndrom, merkt man das häufig oder natürlich auch, wenn es um Körperliches wie Gelenke geht. Ein Kollege, der letzten Stück noch sehr gut laufen konnte, kann er sich eigentlich nur im Rollstuhl bewegen. Das ist schon bedrückend. Aber bei diesem Ensemble ist trotz solcher Entwicklungen die Stimmung, wenn wir alle zusammen sind, immer gut. Es gibt natürlich Tagesverfassungen. Wenn jemand sagt „mir geht’s heute nicht gut, ich spiele heute nicht mit“, dann ist es halt so. Das wird halt akzeptiert und das ist völlig okay dann, ja. Das ist aber auch das Schöne, dass jeder seinen Raum bekommt.
Es ist ja relativ typisch für Amateurtheater, dass man nur zwei, drei Aufführungen hat. Ist es nicht irgendwie total traurig und frustrierend, dann nach so einer Vorbereitung und auf so einem Niveau, nach drei Aufführungen zu sagen, so jetzt ist Schluss – obwohl man wahrscheinlich auch fünf oder zehn Abende hätte mit Publikum füllen können?
Ich finde es persönlich schon schade. Ich würde schon gerne häufiger spielen, aber man merkt es bei den Mitspielern, dass es an die Erschöpfungsgrenzen geht. Und OK, dann reicht es auch. Jede Vorstellung ist ja immer sehr viel Aufregung verbunden. Die Kollegen arbeiten oft tagsüber in Werkstätten und gehen dann abends zu den Proben oder sie nehmen sich Urlaub für die Aufführungen, da sie nicht freigestellt werden. Das ist ein kleiner Wermutstropfen, weil manche sagen, beim nächsten Jahr bin ich nicht mehr dabei, weil ich in meinem Urlaub lieber irgendwohin wegfahren würde.
Jetzt geht’s erstmal auf die Premiere von 
„Alles anders als gedacht“ zu (8. April 2026 im Stadttheater Landsberg, Red). Ich freue mich schon.  Was habe ich nicht gefragt, was du gerne gefragt worden wärest?
Ich wollte noch erzählen, dass die Kammerspiele München uns eingeladen haben, um uns näher kennenzulernen. Die Inklusionsbeauftragte war auch im letzten Stück und hat uns daraufhin eingeladen, das hat auch alle wahnsinnig gefreut. Wir sind mit dem ganzen Ensemble nach München gefahren und haben „Anti gone“ (eine inklusive Inszenierung der Kammerspiele in leichter Sprache, Red.) angeschaut, damit sich die Ensembles kennenlernen. Sie kommt wohl auch dieses Mal wieder und vielleicht entwickelt sich daraus eine kleine Zusammenarbeit, das wäre natürlich auch wunderschön.
Interview Thomas Bauer 
Das ist … Eva Wittenzellner, das ist das „Theater unbegrenzt“
Schauspielerin Eva Wittenzellner ist 1971 geboren. Ihre Schauspielausbildung
absolvierte sie an der Neue Münchener Schauspielschule. Eva Wittenzellner hat in Dutzenden von Rollen in Kino uns TV gespielt, in Serien von „Soko 5113“ bis
„Rosenheim Cops“ und „Dahoam ist Dahoam“ bis „München 7“. Bairisch geprägt sind auch Teile Ihrer umfangreichen Theatererfahrung, häufig unterwegs ist sie
mit dem Tourneetheater „Theaterlust“. 2026 spielt sie erneut im inklusiven Theaterprojekt „Theater unbegrenzt“ mit, einem Projekt der Regisseurin Mirjam Kendler und der „Lebenshilfe. Professionelle Schauspielerinnen und Musiker treten treten in
Filmeinspielern und auf der Bühne gemeinsam mit Schauspielern mit sehr unterschiedlichen Beinträchtigungen auf und erarbeiten die Inszenierung gemeinsam.
Das Projekt wurde vielfach mit Preisen bedacht. Dennoch ist die Fortführung gefährdet: Die Förderund aus einem Programm der „Stiftung Mensch“ für mehrere Jahre kann nur einmalig vergeben werden und läuft 2026 aus.
Zur Fortführung ist ein Budget von rund 80 000 Euro pro Jahr erforderlich. Bereits zugesagte Fördermittel durch die Stadt Landsberg, in deren Stadt­theater die Aufführungen stattfinden, sind an das Zustandekommen der Gesamtfinanzierung gebunden.
Foto Theater Unbegrenzt, Saskia Pavek