Was ist das Wichtigste bei einem Event wie dem Filmfest München?
Die Panels, die Parties oder die Filme? Die Begegnungen. Die gute Mischung macht’s.
(Fotos in der Bildergalerie unten)


Was dabei hilft, das Filmfest München stets zu genießen, aller Branchenkrise zum Trotz, das sind nicht nur die wunderschöne Stadt zu einer sommerlichen Jahreszeit sondern auch die gute Auswahl von Filmen, Themen und Locations ohne zu lange Wege und Geh- oder Fahrzeiten.
Einzige Ausnahme: Die Casting Night, veranstaltet von den langjährigen Partnern Castingverband BVC und Peugeot erforderte eine Dreiviertelstunde Anfahrt (also für Berlin-Verhältnisse eine Innenstadtentfernung…) – bei der man natürlich den Komfort der Fahrzeuge des Sponsors in Anspruch nehmen konnte.
Wobei durch den prickelnden Glamour, den der Partner von Veranstaltungen von Filmakademie bis Cannes mitbringt, das Spektrum der „Verbandstreffen“ verwandter Berufsgruppen kaum weiter von einander entfernt sein konnte als die beiden Treffen von BVC (Bundesverband Casting) im Yachtclub am Starnberger See und VdA (Verband der Agenturen) im Biergarteninnenhof der HFF (Hochschule für Fernsehen und Film). Und beide stehen für einen jeweils ehrlichen Blick auf die Branche und einen wichtigen Teil der Begegnungen.
Hier der Glanz, der auch die mit Selbstbewusstsein vorgetragene Gästeliste mit erfahrener Prominenz beinhaltet und ein Sekt- Catering-Angebot vom Feinsten in einem Ambiente, dem auch heftigster Gewitterregen überm Sonnenschirm und den Sponsorenlöwen nichts von der Lust am Feiern nehmen konnte.
Und dort der explizite Verzicht auf die eigene Klientel, die in den VdA-Agenturen organisierten Schauspieler, stattdessen schlichtes Zusammentreffen in ruhiger Gesprächsatmosphäre und Vertiefen der Inhalten die zuvor auf einem Krisen-Panel des VdA in engagiertet Diskussion ausgetauscht wurden. Schließlich sind nicht nur die Zahlen der Produktionen, der Drehtage und die finanziellen Mittel zurückgegangen sondern auch die Zahl der Agenturen, auch die Zahl der Mitgliedsagenturen im Verband ist drastisch zurückgegangen, wie der Vorstandsvorsitzende Ulrich Meinhard in seiner Eröffnung deutlich machte. Auch auf dem Panel war der Castingverband BVC vertreten, durch seine Vorsitzende, Daniela Tolkien, die mit sehr ehrlichen Worten beschrieb, wie die künstlerisch befriedigende Arbeit an tollen Projekten oftmals zurückstehen muss und die Kolleginnen mit Zeitanfragen und teils unwürdig wirkenden Budgetdiskussionen jenseits der eigentlich verdienten Gagenhöhen beschäftigt werden.
Bei aller Dramatik der berechtigten Klage fast schon wohltuend gelassen wirkten die Wort der sehr erfahrenen Agentin Carola Studlar auf dem Podium, die aus der Wellen-Erfahrung sprechen konnte, dass die Arbeit der Branche immer weiter ging, auch bei allen vorangegangenen Krisen nach überhitzten Hochs wie dem einstigen Fiction-Boom der jungen Privatsender.
Dr. Claudia Thieme, ausführende Produzentin der Letterbox Filmproduktion plädierte für Kreativität, die Budgetkürzungen mit sich bringen und berichtete von krass niedrigen Budgets, die für eine neue Soko Smart aufgerufen würden und war offenkundig überrascht, als sie auf die Frage, ob nun stattdessen alle solche Angebote von allen boykottiert werden sollten deutliche Zustimmung aus dem Publikum erfuhr.
Mehr Realismus in den Dialogen und Plots forderte Beka Bediana, der als 3. Stellvertretender Vorsitzender des BFFS die Schauspielergewerkschaft auf dem Podium vertrat und zitierte aus hölzernen Dialogzeilen, die mit der Lebensrealität der dazustellenden Figuren nichts gemein hätten.
Souverän und natürlich sachkundig moderiert von Schauspielerin und Produzentin Annabelle Mandeng, waren sich die Diskutanten auf dem Podium einig, dass es zwar ein Schritt sei, aber ein viel zu kleiner, dass die Streamingdienste durch das „Mediendienste-Investitionsverpflichtungs-Gesetz“ (MedienInvestVG) acht Prozent ihres in Deutschland erzielten Umsatzes in den Produktionsstandort Deutschland zu investieren haben.
Modelle, die in anderen Produktionsländern großen Erfolg haben, wurden quer durch das Podium auch in Deutschland gefordert, das Fehlen von attraktiven Fördermodellen wie Tax Rebate (Steuerrückerstattung oder -Rabatte beim Produzieren in Deutschland).
Einig war man sich auch, dass zwar vor der Kamera inzwischen die Diversität eingezogen ist, hinter der Kamera aber „blind spots“ existieren, die dem Abbilden der Lebensrealität im Wege stehen. Bei allen Schwächen mindestens ebenso einig war sich die Runde in der Bedeutung und der Schutzwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – und in der Gefahr, die nicht nur für die Branche sondern für die Demokratie und die Freiheit der Kunst von potentiellen Wahlsiegen der AfD in den Ländern ausgeht.
Natürlich blieb auch die Schauspielerinnen-Frage aus dem Publikum nicht aus, was man denn tue oder was man machen könne, um in den Kreis der Gesehenen vorzudringen.
Grob zusammengefasst war der sehr wohlwollend vorgetragene Ratschlag von Letterbox-Produzentin Dr. Claudia Thieme: In Vorleistung gehen, kreativ werden, aktiv sein, an der eigenen Vielfalt und Sichtbarkeit arbeiten.
Hmhhh. Sie hat ja recht. Während es allerdings für alle anderen Beteiligten, für die Produktionen auf dem Podium unter dem Motto „Krise oder normal?“ stets um die mangelnden Rahmenbedingungen ging, unter denen finanziell gesichert gedreht werden kann, kam so ein Gedanke, der für Schauspielerinnen und Schauspieler selbstverständlich vorausgesetzt wird, gar nicht auf: Ohne Netz und doppelten Boden auch als produzierendes Unternehmen in Vorleistung zu gehen, zu machen was richtig ist und das Ergebnis meistbietend anzubieten, das hat in den Strukturen von geförderten Produktionen mit X Gremien offenbar keinen Platz. Und auch die kurze Phase, in der die Streaming-Dienste mit Wagemut den frischen Ruf begründet haben, scheint leider auch vorbei zu sein.
In einem gemeinsamen Statement fassten die VdA-Vorstände Ulrich Meinhard (Vorsitz), Marcel Fechenbach und Tim Koller das Ergebnis des Panels in einer Art Apell zusammen. Gewachsene Strukturen, Arbeitsweisen und Haltung gelte es zu hinterfragen, weiterzuentwickeln oder eben loszulassen. Die Branche sollte anfangen, wirklich zuzuhören und zusammenzustehen: „Dafür braucht es Mut. Das Panel hat uns gezeigt, wie überfällig es war, endlich wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Das ist wohl wahr, auch wenn der Kuchen davon nicht größer wird.
Filme? Ja großartige Filme gab es auch zu sehen. Zu viele, um sie hier darzustellen, zu viele, um eine auch nur halbwegs repräsentative Meinung abgeben zu können. Welche Filme und Protagonisten die Jurys ausgewählt und ausgezeichnet haben, das ist hier (Link) auf den Seiten des wundervollen Sommer-in-der Stadt-Filmfestes München ausführlich nachzulesen. Dass der gefeierte Star die großartige Sandra Hüller („Vaterland“) war, das war erwartbar. Ganz subjektiv habe ich für mich persönlich eine Schauspielerin spät entdeckt – die natürlich Casterinnen und Filmemacherinnen dankenswerterweise lange vorher entdeckt hatten, die Ihr Schauspielstudium erfolgreich absolviert hat und die man längst auf Bühnen und vor der Kamera gefeiert hat. Die Präsenz die Bayan Layla (Foto oben) bis gerade in die letzten Minuten von „Drei Kameradinnen“ zeigt, die verdient Aufmerksamkeit und jeden Erfolg.
Dabei bin ich eigentlich nur in den Film gegangen, weil er zeitlich gut in eine Lücke gepasst hat, obwohl der „Klappentext“ nicht gerade begeistert hat. Bitte, lieber Verleih (DCM), der „Drei Kameradinnen“ voraussichtlich im November ins Kino bringen wird: Lasst euch ein Marketing einfallen, das mehr Begeisterung und Erwartung entfacht als die Beschreibung des Plots der Romanverfilmung. Das Gelingen dieser deutschen Geschichte ist kein Zufall, Die Regisseurin Milena Aboyan („Elaha“, „Wovon sollen wir träumen“, „Tatort: Überlebe wenigstens bis morgen“) feierte auf dem Filmfest München auch mit ihrem zweiten Projekt, der TV-Mehrteiler „Mimi und ich“.
Impressionen von der Casting Night, dem VdA-Panel und „Drei Kameradinnen“, Fotos Stellantis/Peugeot/BVC, Bauer/castmag.de, die film





































