ca:stmag-Reihe Branchenberufe: Maskenbild

Der Maskenbildner Jens Bartram war unter anderem bei mehreren Netflix-Serien wie „Die Kaiserin“ oder „Unfamiliar“ tätig. Von der Deutsche Akademie für Fernsehen wurde er dreimal für das beste Maskenbild ausgezeichnet. Im Interview mit dem ca:stmag verrät er, was den Reiz seines Berufs ausmacht und warum ihm der Austausch mit Schauspielern so wichtig ist.
Was sollten Schauspielerinnen und Schauspieler über die Gewerke der Branche wissen, die nicht so im direkten Fokus stehen wie Regie, Produktion und Casting?
Das Interview mit Maskenbildner Jens Bartram gehört in die aktuelle Reihe „Branchenberufe“. In der ca:stmag-Ausgabe III/2026 werden bereits Vertreter der folgenden Berufsgruppen vorgestellt:
Aufnahmeleiter
Drehbuch
Editing/Cutter
Herstellungsleitung
Kamera
Die Reihe wird online und in der kommenden Ausgabe mit weiteren Gewerken fortgesetzt!

Maskenbildner Jens Bartram in einem weiteren Teil der ca:stmag-Reihe Branchenberufe

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Herr Bartram, wie sind Sie Maskenbildner geworden und was hat Sie an dem Beruf gereizt?

Ich bin eigentlich eher zufällig Maskenbildner geworden. Das war überhaupt nicht mein ursprünglicher Berufswunsch. Ich wollte Schneider werden und hatte ein Praktikum in der Kostümabteilung an der Oper in Köln gemacht. Gegenüber lag die Maskenbildnerei, und weil ich aus der Kostümabteilung oft dort zu tun hatte, fand ich das relativ interessant. Da wurde sehr viel handwerklich gearbeitet. Das hat mich schon immer fasziniert. Dann habe ich mich dort erkundigt, und man sagte mir: „Sie brauchen erst eine Friseurlehre und können danach noch einmal vorbeischauen.“ Das habe ich dann gemacht. Während der Ausbildung habe ich viel handwerkliches Können gelernt, gerade im Bereich Perücken. Das wurde später auch mein Spezialgebiet.

Wie ging es nach der Berufsausbildung für Sie weiter?

Nach der Ausbildung war ich an einem Theater in Heilbronn. Das war ein junges Ensemble, wir waren alle ungefähr Mitte zwanzig. Dadurch hatte man einen sehr engen Austausch mit den Schauspielern. Wir haben ständig neue Ideen entwickelt und in der Kantine gemeinsam verrückte Dinge besprochen. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht: Charaktere entwickeln! Gerade wenn Schauspieler viele Rollen gleichzeitig spielen und mehrere Stücke parallel laufen, muss man immer wieder neue Lösungen finden. So habe ich die intensive Zusammenarbeit mit Schauspielern kennengelernt – und genau das liebe ich bis heute: gemeinsam mit Schauspiel, Regie und Kostüm Charaktere zu entwickeln.

Welche Fähigkeiten sind in Ihrem Beruf besonders wichtig?

Für meinen Bereich, in dem ich viel historische Filme mache, ist die Haargestaltung unglaublich wichtig. Make-up ist dabei dann Nebensache, aber Haare erzählen wahnsinnig viel über eine Figur. Wir machen kein klassisches Beauty-Styling. Wir sind keine Visagisten, sondern Maskenbildner. Wir gestalten Charaktere. Mir ist immer wieder aufgefallen, wie stark Haare gesellschaftliche Entwicklungen erzählen können. Ein gutes Beispiel war die Serie „Die Neue Zeit“ über das Bauhaus in den 1920er-Jahren. Damals schnitt sich die junge Generation die Haare kurz – der Bubikopf –, während die ältere Generation das niemals getan hätte. Das wäre ein absolutes Unding gewesen. Daran sieht man, wie Haare, Farben und Formen über eine Figur erzählen können. Genau das macht die Arbeit spannend: Jedes Projekt bringt neue Charaktere und neue gestalterische Herausforderungen mit sich.

Was macht für Sie eine gute Zusammenarbeit mit Schauspielern aus?

Das Spannende ist der Austausch darüber, wie sich ein Schauspieler seine Figur vorstellt. Ich habe eine Vorstellung, die Regie hat eine Vorstellung, und die Schauspieler haben ihre Vorstellung. Diese Ideen versuche ich zu unterstützen. In Gesprächen entstehen oft Gedanken, auf die ich selbst gar nicht gekommen wäre. Plötzlich sagt ein Schauspieler etwas über die Figur, und ich denke: „Das ist ein interessanter Aspekt.“ Daraus entwickelt sich dann gemeinsam der Charakter. Zuletzt hatte ich das bei der dritten Staffel „Die Kaiserin“ auf Netflix. Dort taucht die Zwillingsschwester der Erzherzogin Sophie auf. Melika Foroutan spielt die Erzherzogin, und wir haben überlegt, wie wir die Schwester gestalten könnten. Historisch korrekte Varianten funktionierten bei ihr überhaupt nicht. Alles wirkte plötzlich zu streng oder zu altmodisch. Gleichzeitig war in der Beschreibung immer von einer gewissen „hip“ die Rede – also einer besonderen Ausstrahlung. Dann stellt sich die Frage: Wie übersetzt man das in die Zeit um 1860 oder 1870?

Sie sind also nicht sklavisch an eine historische Korrektheit gebunden…

Genau, wir erzählen Geschichten und entwickeln auch neue, moderne Ansätze. Natürlich müssen Proportionen und Gesamtwirkung stimmen – gerade bei großen historischen Kostümen –, aber man darf sich kreative Freiheiten nehmen. Gemeinsam mit dem Kostümbild haben wir dann alles noch einmal komplett neu gedacht. Mittelscheitel, leichte Wellen, schlichteres Kostüm – plötzlich entstand eine ganz spannende Figur. Dann kamen Regie und Showrunnerin dazu und sagten: „Genau so hatten wir uns das vorgestellt.“ Das war eine tolle Arbeit, weil wir alle ursprünglichen Ideen über Bord geworfen und die Figur komplett neu betrachtet haben. Historisch war das vielleicht nicht hundertprozentig korrekt. Aber darum geht es nicht immer. Wir erzählen Geschichten, und genau darin liegt die kreative Freiheit.

Mit welchen anderen Gewerken arbeiten Sie besonders eng zusammen?

Sehr wichtig sind Kamera und Licht. Wie etwas gestaltet wird, hängt stark von der Lichtsetzung ab. Gerade bei Drehs mit mehreren Kameras muss man genau schauen: Welche Seite wirkt gut, welche weniger? Manchmal entstehen durch bestimmte Lichtwinkel plötzlich Dinge, die man vorher gar nicht gesehen hat, zum Beispiel kleine Unebenheiten oder Übergänge bei Perücken. Dann sagt die Kamera vielleicht: „Das sehen wir jetzt leider.“ Gleichzeitig kann die Lichtstimmung oft nicht einfach verändert werden, weil sonst die andere Kamera nicht mehr passt. Vieles sieht man erst später richtig, wenn das Material in 4K ausgewertet wird. Dann entdeckt man plötzlich Details, die am Monitor am Set noch gar nicht aufgefallen sind. Man muss sich dabei immer bewusst machen: Das endgültige Bild entsteht erst im Schnitt und in der Nachbearbeitung. Am Set wirkt manches vielleicht problematisch, das später gar nicht mehr auffällt oder umgekehrt.

Gibt es typische Fehler, die Schauspieler im Umgang mit Styling oder Maske machen?

Eigentlich nicht. Schauspieler sind in ihrer Rolle und sollen nicht ständig darüber nachdenken müssen, wie sie mit Frisur oder Maske umgehen. Genau deshalb muss man vorher alles genau besprechen. Ich hatte das zum Beispiel bei der Netflix-Serie „Unfamiliar“. Dort spielte Susanne Wolff mit einer langen aschblonden Perücke mit dunklem Ansatz. Das war ein längerer Weg, bis wir die richtige Lösung gefunden hatten. Da es ein sehr körperlicher, actionreicher Dreh war, musste die Perücke natürlich auch funktionieren. Wir mussten überlegen: Was geht? Was geht nicht? Welche Bewegungen sind möglich? Die Schauspielerin darf nicht permanent Angst haben, etwas kaputt zu machen.

Wie sieht ein typischer Drehtag für Sie aus?

Der Ablauf hat eine klare Struktur, weil alles über die Disposition geplant wird. Dort sind die Zeitfenster für die Schauspieler genau festgelegt. Wenn Schauspielerinnen mit Perücke und Make-up vorbereitet werden müssen, kalkulieren wir meist zwischen anderthalb und zwei Stunden. Diese Zeiten müssen möglichst exakt eingehalten werden, damit der gesamte Tagesablauf funktioniert. Der Tag beginnt für mich oft schon um sechs Uhr morgens oder sogar früher. Dazu kommt häufig noch die Vorbereitung von Komparserie bei größeren Szenen. Am Set selbst betreut man dann die Schauspieler während des Drehs. Parallel laufen oft noch weitere Vorbereitungen für andere Rollen. Wenn alles gut läuft, endet der Drehtag nach etwa zehn Stunden. Danach müssen allerdings noch Perücken abgenommen, Frisuren aufgearbeitet und Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen werden. Meist hat man also noch etwa 45 Minuten bis eine Stunde Nachbereitung. Dann fährt man nach Hause, isst etwas, schläft und steht nach acht Stunden wieder auf. Das Ganze fünf Tage die Woche.

Sie wurden kürzlich für Ihre Arbeit an „Disko 76“ ausgezeichnet. Was hat dieses Projekt für Sie besonders spannend gemacht?

Das Spannende war natürlich die Zeit: die 1970er-Jahre. Wir wollten die Figuren sehr pur und naturalistisch gestalten. Spannend fand ich vor allem, dass wir die 70er nicht überstilisiert darstellen wollten. Ich fühlte mich dabei oft an meine eigene Kindheit erinnert. Die Figuren sollten echt wirken, nicht geschniegelt oder geschniegelt-retro, sondern lebendig und manchmal auch leicht chaotisch. Natürlich haben wir bei manchen Figuren bewusst übertrieben. Gerade Perücken ermöglichen schnelle und starke Verwandlungen. Eine Figur war zunächst eher das klassische „Mauerblümchen“, und nach dem Tod ihres Mannes tauchte sie plötzlich mit Afro-Look auf und drehte völlig auf. Solche Entwicklungen machen großen Spaß. Auch die Schauspielerin Susanne Bredehöft selbst brachte die Ideen ein und sagte irgendwann: „Ich würde gern mal einen Afro-Look ausprobieren.“ Dann schaut man gemeinsam, ob das funktioniert. Das ist etwas, das mein Team und ich grundsätzlich mögen: nicht zu perfekt zu arbeiten. Fehler und kleine Unsauberkeiten machen Figuren oft erst natürlich und glaubwürdig. Interview: Oliver Jensen