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Tatort Tukur-Tatort

Kommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gab mal eine Zeit, da regte sich alle Welt darüber auf, dass das Feuilleton nur fürs Feuiileton schreibt und den Theaterbesucher links oder rechts liegen lässt.

Beim Fernsehen dagegen konnte man sich ziemlich darauf verlassen: Wenn die TV Spielfilm (oder eines der Plagiate) den Daumen hob, dann war es ein publikumsrelevantes, anspruchsloses Werk, wenn sie ihn auf die Seite legte, dann war es eher langweilig und wenn sie ihn senkte, dann war es für die einen Schund (für alle, die für sich Anspruch reklamierten) und für die anderen gute Unterhaltung (alle Liebhaber von Rosamunde Pilcher und Christine Neubauer) – oder Kult, weil so schlecht sei, dass es schon wieder gut ist. Auch die Bewertungstexte gaben eigentlich fast immer wieder, was man erwarten konnte. Immer etwas zu euphorisch, was Ami-Blockbuster betrifft, immer etwas zu verkniffen, wenn es um die Qualitäten von deutschen Produktionen geht, die auch ein wenig Mitdenken erlauben/erfordern. Aber, man wusste, ob das was da gelobt/verrissen wurde, das war, was man selbst gerade sehen wollte.

Manchmal, aber nur manchmal setzt der Feuilleton-Effekt aber auch bei der stinknormalen TV-Kritik ein. Tukur? Finden erst mal alle toll. Tukur mit Tumor? Tolltoll. Tukur mit Tumor im Tatort? Klingt wie ttt, muss also große Kultur sein. Fast alle Kritiker lobten vorab den neuen Tatort-Kommissar, der sich mit seiner Besonderheit und dem tolltollen Tukur zum 40. Tatort-Jubiläum hervor tat über den grünen Klee. So gehypt hatte das „Multitalent“ (das schon mal einen Deutschen Filmpreis mit einer italienischen Dankesrede entgegen nimmt, weil man ist ja anders und hat auf Deutsch echt schon genug Preise entgegen genommen, das sich zusätzlich „interessant“ macht, in dem es erst mal offen lässt, ob es sich zum wiederholten Tänzchen auf dem Sendeplatz bitten lassen wird),  zwar keine Chance, quotenmäßig unterzugehen*, musste sich aber nicht nur vom weit weniger polulären Kollgegen Martin Brambach an die Wand spielen lassen, sondern sich fragen lassen, ob ein Bisschen weniger Eitelkeit bei der Figurenentwicklung dem Ergebnis nicht besser getan hätte… Auch die (durchaus fachkundigen) Zuschauer äußerten sich hinterher in den Socal Networks von „prätentios“ bis „langweilig“, fragten in Foren spöttisch nach, wer denn der Mörder gewesen sei, man sie sei halt eingeschlafen. Ich konnte es vermeiden, weil mich die RAF-Story dahinter interessiert hätte.

Da hat eine Redaktion zum grandiosen Jubiläum vielleicht zu viel gewollt und einen großen Autor unter betont starker Mitwirkung des LKA-Ermittlers „Felix Murot“ (Glückskind Tukur) und einen großen Regisseur etwas drehen lassen, was kein Tatort war – sonst gäbe es die Reihe vermutlich längst nicht mehr. Das war ein Kinofilmstoff, der im Fernsehen nicht wirklich funktionierte – und vor allem, es war das Verschießen eines wirklichen großen Themas. Denn hinter dem Kommissarsbefindlichkeiten verklausuliert versteckt, da lauert ein Stoff, gegen den die Wikileaks-Entüllungchen über das substanzlosse deutsche Außenministerchen Pipifax sind. Die Zeit ist doch nun eigentlich reif, für die Aufklärung der Vorgänge um die Ermordung der RAF-untypischen Opfer Rohwedder und Herrhausen. Die Macher haben anscheinend mehr recherchiert und gewusst als man der Öffentlichkeit über die Beteiligung des Staates (im Film repäsentiert durch Vadim Glowna als ehemaligen BKA-Vize) bisher zu verarbeiten zutraute. In einem Event-Fernseh- oder Kinofilm wäre der Tumor in Tukus Kopf eine wunderbare Metapher für das kranke Gewebe im Fleisch des Staates und der Gesellschaft, an dem eine Demokratie zugunde gehen kann, wenn es nicht bekämpft wird. So aber endete der Tatort „Wie einst Lilly“ ungewollt doch eher wie eine „Lilly-Schönauer“-Episode: Schöne Landschaft, ein Mann und eine Frau im Boot auf dem See, der Böse ist tot, alles kann so weiter gehen wie bisher. Wann wird sich jemand ernsthaft an diesen deutschen Thriller-Stoff heranwagen, ohne das Publikum (bewusst oder wie hier unfreiwillg) zu sedieren? Tragisch.

Thomas Bauer